Igepha - The Austrian Self Care Association


Für eine gesunde
Zukunft

Anderswo schon Alltag – die „Pille“ rezeptfrei

Nicole Kirchler

Nicole Kirchler

 2. Mai 2019

Auch viele Österreicherinnen würden sich darüber freuen: Nach einer initialen ärztlichen Untersuchung werden beispielsweise in Neuseeland orale Kontrazeptiva rezeptfrei in der Apotheke abgegeben.

Die Pille als Switch-Kandidatin
Innovative Modelle für einen unkomplizierten Zugang zu Arzneimitteln liegen im Trend. Unter anderem wird über die Entlassung oraler Kontrazeptiva aus der Rezeptpflicht diskutiert.

Was in anderen Ländern bereits praktiziert wird, wäre auch für Österreich denkbar: Nach einem erstmaligen Arztbesuch erhält die Frau jede weitere Packung ihres hormonellen Verhütungsmittels rezeptfrei in der Apotheke. Finanziell ändert sich nichts, weil die „Pille“ bereits jetzt privat bezahlt werden muss.

Umfragen unter Apothekern in Deutschland und Österreich zeigen, dass die Pharmazeuten hier in Bezug auf einen Switch der „Pille“ noch vorsichtig abwartend sind. Bei einer Umfrage, die der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) 2017 in Deutschland durchführen ließ, sprachen sich rund 35 % der befragten Pharmazeuten und PTA für eine Entlassung oraler Kontrazeptiva aus der Rezeptpflicht aus, wobei sich ein Teil dieser Befragten Einschränkungen bei der Abgabe wünscht. Die Mehrheit kann sich eine rezeptfreie „Pille“ dagegen (eher) nicht vorstellen.

In Österreich wurde kurz darauf dieselbe Frage gestellt. 17 % der befragten Apotheker können sich eine Entlassung der „Pille“ aus der Rezeptpflicht vorstellen, 27 % sagten „ja, aber mit Einschränkungen“, alle anderen entschieden sich für „(eher) nein“.

Bei der Studie in Deutschland wurden die Apotheker und ihre Mitarbeiter auch gefragt, was aus ihrer Sicht gegen eine Abgabe oraler Kontrazeptiva auf Folgerezept ohne erneuten Arztbesuch spreche. Mehrheitlich nannten die Befragten zwei Gründe: Der Nachweis der initialen ärztlichen Untersuchung sei schwierig, vor allem wenn die Patientinnen nicht immer dieselbe Apotheke aufsuchen. Und: In der Apotheke sei keine Überwachung des Gesundheitsstatus möglich.

Zuerst zum Arzt, dann per Folgerezept
Sollte es zu einem Switch der „Pille“ kommen, so können sich in Deutschland die befragten Apotheker und ihre Mitarbeiter vor allem zwei Modelle der Umsetzung vorstellen:

  1. Klassisches Folgerezept (Dauerverordnung) oder
  2. Erstdiagnose und medikamentöse Therapieeinstellung durch den Arzt, danach eine apothekenpflichtige Abgabe – dieses Modell wird beispielsweise in Neuseeland praktiziert.

In Deutschland wurden im Auftrag des BAH auch Ärzte zu ihrer Meinung zu verschiedenen Switch-Kandidaten befragt (Dezember 2017/Jänner 2018). Knapp 50 % der Mediziner können sich demnach eine Entlassung von Kontrazeptiva aus der Rezeptpflicht vorstellen (teilweise mit Einschränkungen bei der Abgabe).

Sehr differenziert reagierten Frauen und Männer in Deutschland auf den Vorschlag, die „Pille“ rezeptfrei abzugeben: Fast 38 % der Männer stimmten dieser Idee „voll und ganz zu“, aber nur etwas mehr als 30 % der Frauen. Auch konnten sich viel mehr Frauen als Männer gar nicht vorstellen, die „Pille“ rezeptfrei in der Apotheke zu erhalten.

Interessanterweise fürchten in Deutschland befragte Stakeholder aus Industrie und Apothekerschaft den Groll der Gynäkologen, würde man sich für einen Switch der „Pille“ aussprechen.

Anderswo schon Alltag
In Neuseeland, einigen US-amerikanischen Staaten und kanadischen Provinzen sowie in den Niederlanden sind hormonelle Kontrazeptiva bereits jetzt rezeptfrei erhältlich.

Die neuseeländische Switch-Expertin Dr. Natalie Gauld berichtete bei Switch-Info-Events der IGEPHA über sehr positive Erfahrungen mit der rezeptfreien „Pille“. In jenen Ländern, die den Switch bereits durchgeführt haben, seien sowohl die Frauen als auch die Apotheker und die Ärzte mit der Situation sehr zufrieden.

Bewährt habe sich vor allem das Modell einer initialen ärztlichen Untersuchung in Kombination mit einem Folgerezept, das danach in der Apotheke eingelöst werden kann. Die zeitaufwendigen, alle drei bis sechs Monate fälligen Arztbesuche entfallen – für junge, gesunde Frauen bedeutet das eine beträchtliche Zeitersparnis.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich steckt die öffentliche Meinungsbildung zu diesem Thema jedoch noch in den Startlöchern.

young woman holding birth control pills