Igepha - The Austrian Self Care Association


Für eine gesunde
Zukunft

Zwischen Höhenflug und Bruchlandung – Profi-Tipps für die Switch-Praxis

Warum werden in Österreich so wenig Arzneimittel aus der Rezeptpflicht entlassen? Wodurch lassen sich Unternehmen zu Switch-Anträgen ermutigen? Und wie wird ein Switch schließlich zum wirtschaftlichen Erfolg? Experten geben hierzu spannende Antworten.

 

Switches: Was hemmt, was hilft?

Beim IGEPHA Switch-Update am 11. September 2018, dem zweiten Switch-Event nach der großen Switch-Konferenz im März dieses Jahres, informierten Experten über neue Forschungsergebnisse und Perspektiven für die Entlassung von Arzneimitteln aus der Rezeptpflicht.

Nina Stimson, Mitarbeiterin des OTC-Markt-Beraters Nicholas Hall, und IQVIA-Geschäftsführer Dr. Martin Spatz erläuterten anhand praktischer Switch-Beispiele aus aller Welt, wie Switches sich zu Höhenflügen aufschwingen können, statt Bruchlandung zu erleiden.

So löste beispielsweise der Switch des Nasensprays Flonase zur Behandlung von Allergie-Symptomen (USA, 2015) ein Umsatzwachstum im gesamten Indikationssegment aus. Der Switch wurde von einer breit angelegten Marketing-Kampagne begleitet, die neben den traditionellen Medien auch neue Kanäle wie Twitter, Instagram und YouTube mit einbezog. Flonase ist in den USA das am häufigsten auf Amazon bestellte Allergiemittel.

Ebenso erfolgreich verlief in Europa der Switch der „Pille danach“ ellaOne im Zuge des zentralen Verfahrens. Das Verhütungsmittel wurde 2015 in 15 europäischen Ländern, darunter auch Österreich, auf den Markt gebracht und verzeichnet seitdem enorme Zuwachsraten. Unter den Notfall-Verhütungsmitteln avancierte ellaOne auf Platz 1.

Begleitet wurde das Produkt von einer innovativen Marketingkampagne mit konsumentenfreundlichen Webauftritten in 25 Sprachen, einer App, Botschaften auf Social Media und einem QR-Code auf der Packung, der zur digitalen Version der Packungsbeilage weiterleitet. Zum Switch-Erfolg trug auch das professionell konzipierte Trainingsprogramm für Apotheker bei: Es stärkte nachhaltig das Vertrauen der Pharmazeuten in das neue Produkt.

 

Ein unerwarteter Flop

Große Erwartungen wurden in Großbritannien in den Switch von Flomax Relief, eines Mittels zur Behandlung von Prostatabeschwerden, gesetzt. Die Voraussetzungen erschienen ideal: Als rezeptpflichtiges Medikament wurde das Präparat jährlich 2,5 Millionen Mal verschrieben, es verfügte über ein exzellentes Sicherheitsprofil und war bei den Patienten gut etabliert.

2010 wurde Flomax als OTC gelauncht. Auf Anordnung der Behörde mussten die Patienten bei der erstmaligen Abgabe des Mittels in der Apotheke einen zweiseitigen Fragebogen mit 27 Fragen ausfüllen, was 15 bis 25 Minuten lang dauerte. Diese zeitaufwendige Vorgehensweise schien abschreckend zu wirken. Außerdem mussten die Patienten, die Flomax in der Apotheke kauften, innerhalb von sechs Wochen verpflichtend einen Arzt aufsuchen, um mögliche Risiken auszuschließen. Als OTC war das Arzneimittel leider ein wirtschaftlicher Misserfolg.

 

Weniger kann manchmal mehr sein

 Es gibt aber auch andere Gründe für das Scheitern von Switches, zum Beispiel eine Überflutung des Marktes durch Konkurrenzprodukte. Nycomed switchte den Wirkstoff Pantoprazole 20mg 2009 im Zuge eines zentralen Zulassungsprozesses und brachte den Protonenpumpenhemmer zur Behandlung von Sodbrennen in 14 Ländern als OTC auf den Markt, darunter auch in Österreich. Im Zuge des zentralen Verfahrens entfiel die zwölfmonatige Datenexklusivität. Dies rief rasch Konkurrenten auf den Plan: Innerhalb von sechs Monaten wurden allein in Deutschland 27 Launches von Protonenpumpenhemmern registriert. Der wirtschaftliche Erfolg jedes einzelnen Produktes hält sich in einem derart überfütterten Markt natürlich in Grenzen.

 

Switch als Wachstumstreiber

 Dr. Martin Spatz beleuchtete die Rolle von Switches als Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg von pharmazeutischen Unternehmen und wies darauf hin, dass Switches in den USA fast ein Drittel des Wachstums am OTC-Markt generieren. Außerhalb der USA betrage dieser Anteil jedoch nur acht Prozent.

In ganz Europa haben neun der 20 erfolgreichsten OTC-Marken einen Switch-Background. Darunter befinden sich Produkte wie Voltadol, Nurofen, Nicorette oder Imodium. In Österreich haben sich nur drei geswitchte Produkte unter den Top 20 positioniert: Voltadol, Daflon und Nicorette. Da sei, meint Dr. Spatz, noch sehr viel Potenzial vorhanden, vor allem, wenn man sich Großbritannien als Vorbild nehme. Hier wurden von 2009 bis 2018 elf Wirkstoff-Switches durchgeführt, während es in Österreich nur fünf waren.

 

Stufen zum Erfolg

Der IQVIA-Geschäftsführer gab Herstellern, die einen Switch-Prozess starten wollen, folgende Checkliste zum Einstieg mit auf den Weg:

  • Befriedigt das ins Auge gefasste OTC-Präparat ein bislang nicht erfülltes Bedürfnis?
  • Ist dem Konsumenten das Gesundheitsproblem bewusst und wartet er quasi bereits darauf, zur Linderung eine rezeptfreie Alternative nützen zu können?
  • Bewirkt das neue OTC-Präparat eine rasche Linderung der Beschwerden?
  • Wie wird der Arzt reagieren? Fördert er das OTC-Präparat oder blockiert er dessen Markterfolg?
  • Bedeutet das geswitchte Produkt für den Apotheker eine zusätzliche Wertschöpfung oder eher eine Belastung?

Sind die grundlegenden Fragen geklärt, gilt es, sich mit den Stakeholdern, insbesondere der Zulassungsbehörde, auseinanderzusetzen, Daten zu Nutzen und potenziellen Risiken des Produktes zu sammeln, den USP zu formulieren, rechtssichere Claims zu entwickeln und alle vorhandenen Ressourcen zu nutzen, um den Markteinstieg zu unterstützen.

Jetzt Anträge abgeben!

Am 13. November 2018 tagt die österreichische Rezeptpflichtkommission, die bei der Entscheidung über die Entlassung von Wirkstoffen aus der Rezeptpflicht die Aufgabe hat, Anträge zu prüfen und eine Empfehlung an den zuständigen Minister abzugeben.
Für die Wirtschaftskammer sitzt IGEPHA Präsident Dr. Gerhard Lötsch in der Rezeptpflichtkommission. Er appelliert an die pharmazeutischen Firmen in Österreich, für die kommende Sitzung der nur einmal im Jahr tagenden Rezeptpflichtkommission kurzfristig noch Switch-Anträge einzureichen. Die Einreichfrist endet vier Wochen vor dem Termin der Sitzung.
Dr. Lötsch steht den Firmen beratend zur Seite. Erreichbar ist er unter der E-Mail-Adresse gerhard.loetsch@gebro.com

Hinweis: Produkt-Switches können jederzeit beim Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) beantragt werden.

 

Noch mehr Insiderwissen!

Tipp: Lesen Sie auch das Interview mit Nina Stimson in diesem IGEPHA News. Die OTC-Markt-Expertin spricht über Erfolgsfaktoren für den Switch-Prozess.

Weitere wertvolle Hintergrundinformationen zum Thema „Switch“ finden Sie in der zweiten Ausgabe der IGEPHA Quintessence, die unmittelbar nach der IGEPHA Jahrestagung (10. Oktober 2018) erscheinen wird. In der Quintessence lesen Sie, was die international renommierte Switch-Expertin Dr. Natalie Gauld bei Interviews mit österreichischen Entscheidungsträgern und Stakeholdern herausgefunden hat und welche switchfördernden Maßnahmen sie empfiehlt. Zu Wort kommen auch Dr. Christoph Baumgärtel, Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen und Dr. Elmar Kroth, Switch-Experte beim deutschen Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e. V. (BAH),