Viagra, Cialis & Co. sind in Österreich rezeptpflichtig, anderswo aber direkt in der Apotheke erhältlich. Viele Betroffene beschaffen sich die Mittel aus illegalen Quellen und lassen ihre Beschwerden nie medizinisch abklären. Wie sieht die Situation in Ländern aus, wo Potenzmittel rezeptfrei verfügbar sind? Werfen wir einen Blick in eine aktuelle Studie.
An der Studie nahmen 10.000 Männer aus Deutschland, Norwegen, Polen und der Schweiz teil. In Deutschland sind sogenannte Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE-5-Hemmer) rezeptpflichtig, in Norwegen und Polen rezeptfrei, in der Schweiz werden die Mittel nach einer kostenpflichtigen Beratung in der Apotheke abgegeben. Bekannte PDE-5-Hemmer sind Sildenafil (z. B. Viagra), Tadalafil (z. B. Cialis), Vardenafil und Avanafil.
Die Studie wurde im Frühjahr 2023 durchgeführt und von den Autor:innen Uwe May, Quirin Werthner, Harald Weigmann und Cosima Bauer im Dezember 2025 im International Journal of Public Health publiziert.
Die wichtigsten Ergebnisse auf den Punkt gebracht
- In Norwegen, Polen und der Schweiz verwenden mehr Männer PDE-5-Hemmer als in Deutschland, wo man für die Mittel eine ärztliche Verschreibung braucht.
- Viele Apotheker:innen empfehlen den Arztbesuch, wenn Männer wegen erektiler Dysfunktion vorstellig werden.
- Wo Viagra, Cialis & Co. rezeptfrei verfügbar sind, weichen weniger Betroffene auf den Schwarzmarkt aus.
- Der Gebrauch der Mittel außerhalb medizinischer Zwecke ist äußerst selten.
Sechs von zehn Männern sind betroffen
Erektionsstörungen sind weit verbreitet, wie sich im Rahmen der Studie herausstellte. Sechs von zehn Männern leiden unter dieser Beeinträchtigung, die nach wie vor als Tabuthema gilt, was es vielen Betroffenen schwer macht, offen darüber zu sprechen. Nur 30% der Erektionsstörungen werden diagnostiziert, wie es in der Studie heißt. Ein kritischer Faktor in diesem Szenario: die rezeptfreie Verfügbarkeit von Mitteln zur Behandlung von erektiler Dysfunktion.
Switch in einigen Ländern durchgeführt
In mehreren Ländern wurden Potenzmittel bereits rezeptfrei gestellt, z. B. in UK, Neuseeland, Irland, Polen und Norwegen. In Österreich und Deutschland sind Viagra, Cialis & Co. hingegen nach wie vor rezeptpflichtig. Viele Betroffene umgehen das legale Gesundheitssystem und bestellen Potenzmittel illegal bei dubiosen Anbietern. Sie machen sich damit strafbar und gehen ein hohes Gesundheitsrisiko ein.
Und sie laufen Gefahr, dass Krankheiten, die mit erektiler Dysfunktion im Zusammenhang stehen, nicht diagnostiziert werden. Bluthochdruck, Erkrankungen an den Herzkranzgefäßen und Diabetes sowie Depressionen bleiben somit häufig unbehandelt.
Das Studiendesign
Um festzustellen, ob die Studienteilnehmer an erektiler Dysfunktion leiden, wurden sie anhand eines international standardisierten Fragebogens befragt (IIEF-5-Fragebogen) und sie wurden aufgefordert, eine Selbsteinschätzung vorzunehmen, ob sie von erektiler Dysfunktion betroffen sind.
Es stellte sich heraus, dass in Deutschland rund 60% der Männer an erektiler Dysfunktion leiden. In Norwegen sind es 63%, in Polen und in der Schweiz 67%. Alle Altersgruppen sind betroffen, Jüngere und Ältere mehr als Männer mittleren Alters. Die meisten Betroffenen litten an milden Formen der erektilen Dysfunktion, die schwerste Erkrankungsstufe kam bei weniger als 4% der Teilnehmenden vor.
Verwendung von PDE-5-Hemmern
Von den Studienteilnehmern mit Erektionsstörungen verwendeten in Deutschland 22% PDE-5-Hemmer. In Norwegen und der Schweiz waren es 30%, in Polen 24%.
Arztbesuch
In Deutschland hatten 39% der Betroffenen einen Arzt aufgesucht, um über Erektionsprobleme zu sprechen. In Norwegen waren es 60%, in der Schweiz 44%, in Polen jeder Vierte.
Apothekenbesuch
In Deutschland, wo Potenzmittel rezeptpflichtig sind, suchten 24% der Betroffenen Rat in der Apotheke, in Polen waren es 21,5%. Hingegen suchten 47% der betroffenen Norweger die Apotheke auf und 35% der Schweizer.
Die Mehrheit der Apotheker:innen schickte ihre von erektiler Dysfunktion betroffenen Kunden zur weiteren Abklärung zum Arzt. In Deutschland geschah dies bei 81% der Betroffenen, in Polen bei 71%, in der Schweiz bei 85% und in Norwegen bei 94%.
Medikamentenmissbrauch
Eine missbräuchliche Verwendung von Potenzmitteln kommt – so die Studienautor:innen – selten vor. In Deutschland berichteten nur 18 Befragte, dass sie PDE-5-Hemmer einnehmen, obwohl sie nicht unter Symptomen der erektilen Dysfunktion leiden. In den anderen Ländern waren es zwischen 24 und 39 Studienteilnehmer.
Potenzmittelkauf am Schwarzmarkt
Während in Norwegen 22% und in Polen 19% der von erektiler Dysfunktion Betroffenen Potenzmittel am Schwarzmarkt kaufen, sind es in Deutschland 41% und in der Schweiz sogar 56%.
Schlussfolgerungen
Die rezeptfreie Verfügbarkeit von PDE-5-Hemmern kann das Wohlbefinden von Männern deutlich verbessern, betonen die Studienautor:innen. Sind Potenzmittel in einem Land als OTC-Präparate erhältlich, so suchen mehr Männer aktiv Hilfe, sie treten in Kontakt mit Ärzt:innen und lassen sich in der Apotheke beraten.
Die Apotheke als niedrigschwellige Anlaufstelle hat positive Effekte: Viele Betroffene werden auf Gesundheitsrisiken aufmerksam gemacht, zum Arzt oder zur Ärztin geschickt und schlagen somit den Weg zur professionellen Diagnosestellung und Behandlung ein. Dadurch bleiben Krankheiten, die im Zusammenhang mit Erektionsstörungen stehen, weniger häufig unentdeckt und können rechtzeitig behandelt werden. Das gelte, so die Studienautor:innen, insbesondere für Herzerkrankungen.
In Norwegen und Polen, wo Viagra, Cialis & Co. rezeptfrei verfügbar sind, kaufen weniger Männer Potenzmittel am Schwarzmarkt ein. Dass es in der Schweiz so viele Betroffene sind, liegt laut den Autor:innen offenbar an den hohen Arzneimittelpreisen und der verpflichtenden Beratungsgebühr in der Apotheke.
Was wäre, wenn…
Die deutschen Studienteilnehmer wurden gefragt, ob sie PDE-5-Hemmer eher einnehmen würden, wenn diese als OTC-Präparate direkt in der Apotheke verfügbar wären, und ob dann der Kauf am Schwarzmarkt zurückgehen würde. Ein signifikant hoher Anteil der Befragten antwortete darauf mit „ja“.
Was lernen wir daraus?
„Es ist dringend erforderlich, PDE-5-Hemmer als rezeptfreie Arzneimittel zuzulassen“, appellieren die Studienautor:innen an die Verantwortlichen im Gesundheitssystem. Sind Viagra, Cialis & Co. rezeptfrei, so sinkt die Abhängigkeit der Betroffenen von illegalen Bezugsquellen und der Weg zu sicheren Behandlungsmöglichkeiten kann leichter eingeschlagen werden.
Das ist eine klare Empfehlung, auch in Österreich über einen Switch der Potenzmittel nachzudenken.
Link zur Studie: https://www.ssph-journal.org/articles/10.3389/ijph.2025.1608529