Engpässe im Gesundheitssystem liefern Schlagzeilen in der Berichterstattung. Die Gesundheitseinrichtungen sind überlastet, zugleich werden wir zwar älter, bleiben aber nicht länger gesund. Wie man auf beiden Schauplätzen spürbare Verbesserungen bewirkt, verrate ich gleich hier in meinem aktuellen Blogbeitrag.
„Österreichs Gesundheitssystem fährt komplett gegen die Wand“ titelt Die Presse[1], „Wenn Geld, Personal, Medikamente fehlen: Das erschöpfte Gesundheitssystem“ die Mediengruppe Wiener Zeitung[2] und „Gesundheitswesen: Wenn ein System zum Arzt muss“ die Wirtschaftsnachrichten[3].
„Ein Gesundheitssystem, das erst reagiert, wenn Menschen krank sind. Kann das wirklich unsere Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sein?“, fragt sich Michael Heinisch, CEO der Vinzenz Gruppe, auf LinkedIn, und Peter McDonald, Chef der Österreichischen Gesundheitskasse, fordert im ORF-Interview: „Wir müssen uns jetzt für die Zukunft rüsten und über neue Methoden zu einer besseren Patientensteuerung, stärkeren Gesundheitskompetenz und -vorsorge sowie mehr Verantwortungsübernahme des Einzelnen diskutieren.“[4]
„Eigenverantwortung“ und „Solidarität“ sind Schlüsselworte eines Lösungsansatzes, dessen Wirksamkeit durch wissenschaftliche Forschung belegt ist. Wir nennen es „Self Care“ und meinen damit einen engagierten Umgang mit dem eigenen Gesundheitszustand.
Worauf kommt es an?
- Eine hohe Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung
- Eigeninitiative bei einer Vielzahl häufig auftretender „leichter“ Erkrankungen
- Zuverlässige Information und Handlungsempfehlungen auf öffentlichen Gesundheitswebsites
- Niedrigschwellige Anlaufstellen wie Gesundheitshotlines und Apotheken
Wird die Politik nicht in diese Richtung aktiv, so steigt der Druck auf unser Gesundheitssystem durch Ärzt:innen-Mangel, überfüllte Wartezimmer, steigende Kosten und eine Zunahme der chronisch Kranken weiter.
Viel Leid ist vermeidbar
83,5% der Todesfälle sind in Österreich auf nicht übertragbare Krankheiten wie Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes und chronische Lungenkrankheiten zurückzuführen. Ob man an nicht übertragbaren Erkrankungen (noncommunicable Diseases, NCD) zu leiden beginnt, lässt sich durch den persönlichen Lebensstil beeinflussen.
Self Care kann dazu beitragen, die Entstehung von NCDs zu verhindern. Wer bereits an einer chronischen Krankheit leidet, kann seine Lebensqualität und Lebenserwartung durch Self Care verbessern, heißt es im aktuellen Self Care Readiness Index der Global Self Care Federation[5].
Viele Menschen wünschen sich heute, ihre verlängerte Lebenserwartung bei guter Gesundheit genießen zu können. Bedauerlicher Weise stirbt aber in Europa jeder fünfte Mann und jede zehnte Frau vor dem 70. Lebensjahr an den Folgen von nichtübertragbaren Krankheiten. 1,8 Millionen Todesfälle ließen sich in Europa verhindern, mahnt die WHO.[6]
In ihrem Report zur Self Care Readiness unterschiedlicher Länder empfiehlt die Global Self Care Federation folgende Maßnahmen:
RISIKOMINDERUNG
a. Gesundheitsförderung
b. Gesunder Lebensstil
c. Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsergänzungsmittel
VORBEUGUNG UND KRANKHEITSMANAGEMENT
a. Eigeninitiative bei selbst behandelbaren Erkrankungen
b. Zugang zu nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln
c. Unterstützung von Angehörigen
CHRONISCHE KRANKHEITEN MANAGEN
a. Bei Bedarf Inanspruchnahme der Versorgung durch Hausarzt, Facharzt, Spital oder spezialisierte Einrichtung
b. Rehabilitation und palliative Versorgung
Fallbeispiele aus aller Welt
Der Self Care Readiness Index-Report beschreibt die Lösungsansätze zur Stärkung der Eigenverantwortung und Self Care aus drei Ländern.
Brasilien: Die brasilianische Regierung startete ein Schulgesundheitsprogramm, das darauf abzielt, Gesundheit und Wohlbefinden im schulischen Umfeld zu fördern. Gesundheitsfachkräfte werden darin geschult, Menschen bei der Self Care zu unterstützen, um die Versorgungsqualität für Menschen mit chronischen, nichtübertragbaren Krankheiten zu verbessern.[7]
Äthiopien: Das äthiopische Gesundheitsministerium entwickelte nationale Leitlinien zur Self Care, die darauf ausgerichtet sind, Menschen in ihrem Gesundheitsmanagement zu unterstützen. Einerseits soll die Inanspruchnahme von Gesundheitseinrichtungen reduziert, andererseits das Ergebnis von Therapien verbessert werden.[8]
Thailand: In Thailand gilt Self Care als zentrale Strategie zur Prävention und Kontrolle nichtübertragbarer Krankheiten. Gesundheitsfachkräfte informieren über Krankheitsprävention und unterstützen die Bevölkerung dabei, einfache Beschwerden zu Hause zu behandeln. Ein vor 40 Jahren gestartetes System von Dorfgesundheitsfreiwilligen dient der Gesundheitsförderung in der Gemeinschaft.[9]
Klare Schlussfolgerungen
Angesichts der Herausforderungen für unser Gesundheitssystem durch nichtübertragbare Krankheiten, die alternde Gesellschaft und den Wunsch nach einem fairen, solidarischen Zugang zur Gesundheitsversorgung erweist sich Self Care als überaus wirksamer Lösungsansatz.
Self Care verbessert die Gesundheitsergebnisse, senkt die Gesundheitskosten, stärkt die Autonomie des Einzelnen und die Resilienz des gesamten Systems.
Dennoch fehlt in Österreich nach wie vor ein nationales Bekenntnis zur Stärkung der Self Care. Die Frage ist: Können wir uns das tatsächlich leisten? Wissenschaftliche Forschungsergebnisse des Gesundheitsökonomen Uwe May und der Politikwissenschaftlerin Cosima Bauer belegen den wirtschaftlichen Nutzen der Self Care.[10]
Unsere Botschaft lautet: Es ist höchste Zeit, gemeinsam aktiv zu werden, um das gesamte Potenzial der Self Care auszuschöpfen. Zum Vorteil der Menschen in Österreich und des von ihnen finanzierten Gesundheitssystems.
Machen wir den ersten Schritt – in eine gesunde Zukunft.
Quellen:
[1] https://www.diepresse.com/20223958/gesundheitssystem-akuter-reformbedarf
[2] https://www.mediengruppewienerzeitung.at/die-republik/wenn-geld-personal-medikamente-fehlen-das-erschoepfte-gesundheitssystem/
[3] https://wirtschafts-nachrichten.at/oesterreich/gesundheitssystem-oesterreich-aerztemangel-und-andere-probleme/
[4] https://orf.at/stories/3403411/
[5] https://www.selfcarefederation.org/resources/self-care-readiness-index-2025, Seite 5
[6] https://www.who.int/europe/de/news/item/27-06-2025-new-data–noncommunicable-diseases-cause-1-8-million-avoidable-deaths-and-cost-us-514-billion-USD-every-year–reveals-new-who-europe-report
[7] https://www.selfcarefederation.org/resources/self-care-readiness-index-2025, Seite 13
[8] Ebenda, Seite 15
[9] Ebenda, Seite 17
[10] https://igepha.at/website2023/wp-content/uploads/2025/04/der-gesundheitsokonomische-stellenwert-von-otc-praparaten-in-osterreich.pdf