Igepha - The Austrian Self Care Association


Für eine gesunde
Zukunft

Impfen in der Apotheke – ferne Zukunftsmusik oder realistisches Szenario?

Nicole Kirchler

Nicole Kirchler

 2. Mai 2019

In Deutschland werden zurzeit gesetzliche Vorbereitungen getroffen, die es Pharmazeuten ermöglichen sollen, Impfungen rezeptfrei in der Apotheke durchzuführen. Die Autoren der IGEPHA Switch-Studie, Prof. Dr. Uwe May und Cosima Bauer, M. A., ziehen Parallelen zu Österreich.

Apotheken-Impfung bereits 2020?
Der Vorschlag von Gesundheitsökonom Prof. Dr. Uwe May und Politikwissenschaftlerin Cosima Bauer, M. A., Impfungen in der Apotheke durchzuführen, wurde in Deutschland in die „Eckpunkte zum Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ des Bundeministeriums für Gesundheit aufgenommen. Wir haben die Studienautoren befragt, ab wann in deutschen Apotheken geimpft werden darf und ob Ähnliches auch bei uns in Österreich denkbar wäre.

IGEPHA: Ihr Vorschlag, in Apotheken bestimmte Impfungen – z. B. die Grippeimpfung – durchzuführen, stößt in Deutschland auf breite Zustimmung. Wie geht es dort jetzt weiter und wie realistisch ist es, dass Apotheker in Deutschland im Herbst 2019 bereits ihre Kunden gegen Influenza immunisieren dürfen?
Cosima Bauer: Aus dem Referentenentwurf wird in den nächsten Wochen auf Basis verschiedener Anträge aus der Politik und einer Anhörung ein Regierungsentwurf für das Gesetz entstehen. Dieser wird dann das normale parlamentarische Verfahren durchlaufen. Da es zu dem Vorschlag der Apothekenimpfung eine ungewöhnlich breite Zustimmung aus verschiedenen politischen Parteien gibt, kann man derzeit optimistisch sein, dass es zu einer entsprechenden Gesetzesänderung kommt. Dieser Schritt dürfte dann tatsächlich vor der nächsten Grippesaison getan sein. Allerdings wird es weitere Zeit in Anspruch nehmen, bis entsprechende Modellprojekte aufgesetzt sind und in die Praxis umgesetzt werden können. Ein realistisches Ziel wäre hier wohl eher die Grippesaison 2020.

IGEPHA: Erstmals beschrieben haben Sie die Idee der Grippeimpfung in der Apotheke ja im Rahmen der Switch-Studie für die IGEPHA, die bei der IGEPHA Switch-Konferenz im März 2018 vorgestellt wurde. Dieses Modell stellte dort ein Beispiel für einen visionären Switch dar. Was bedeutet die positive Entwicklung in Deutschland nun für Österreich?
Uwe May: Schon bei der ersten Vorstellung dieser Idee anlässlich der Konferenz in Wien haben wir viele positive Reaktionen der dort vertretenen Experten erfahren. Dass die Idee nun auch in Deutschland schnell Befürworter aus verschiedenen Professionen und politischen Richtungen gefunden hat, verdeutlicht einmal mehr, dass es viele gute Gründe gibt, die für eine Grippeimpfung in der Apotheke sprechen. Diese Überlegungen dürften für Österreich in ganz ähnlicher Weise wie für Deutschland gelten. Nicht zuletzt könnte Österreich von den Erfahrungen profitieren, die bis zum heutigen Tage aus dem Diskussionsprozess in Deutschland zu ziehen sind.

IGEPHA: Innerhalb einer Umfrage unter österreichischen Apothekern zum Thema „Switch“ wurde auch die Frage gestellt, ob Impfungen in Apotheken sinnvoll seien. Das Ergebnis war beeindruckend: 78 % der Befragten können sich vorstellen, dass bestimmte Impfstoffe rezeptfrei gestellt werden. Die Apotheker sind also offenbar durchaus dazu bereit, diese zusätzliche Aufgabe zu übernehmen. Welche Voraussetzungen müssten sie dazu erfüllen? Was ist diesbezüglich für Deutschland angedacht?
Cosima Bauer: In der Tat ist die Zustimmung zum Thema „Impfen“ und die Bereitschaft, hier selbst aktiv zu werden, unter den Apothekern in Österreich wie auch in Deutschland stark ausgeprägt. Ein Mangel an Apotheken, die sich hier beteiligen würden, ist also kaum zu erwarten. Selbstverständlich sind hierzu bestimmte Anforderungen hinsichtlich der Weiterbildung sowie auch an die räumlichen Gegebenheiten in der Apotheke zu stellen. Es ist naheliegend, sich hierzu an Beispielen aus dem europäischen Ausland zu orientieren und auf dieser Basis mit den Apothekerkammern entsprechende Voraussetzungen zu definieren.

IGEPHA: In der Schweiz sowie in Großbritannien wird bereits seit einigen Jahren in der Apotheke geimpft. Welche Erfahrungen hat man dort mit dieser Serviceleistung gesammelt?
Uwe May: Zunächst hat sich in unseren Nachbarländern gezeigt, dass sich die Bedenken, die von verschiedenen Seiten vorab formuliert wurden, als hinfällig erwiesen haben. Dies gilt sowohl hinsichtlich unterschiedlicher Risiken, die vermutet wurden, als auch hinsichtlich der Sorge, das Angebot in den Apotheken würde gar nicht zu einer Erhöhung der Impfquote führen. Tatsache ist, dass in Großbritannien und der Schweiz sowie in anderen europäischen Ländern die Zahl der impfenden Apotheken und mit ihr die Zahl der in der Offizin geimpften Menschen und somit die Impfquote insgesamt rasch gewachsen sind. Interessanterweise wurde zum Teil sogar beobachtet, dass auch die Zahl der Grippeimpfungen in den Arztpraxen angestiegen ist. Dies hängt damit zusammen, dass durch das Angebot in den Apotheken einfach mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema und seine Bedeutung gelenkt wurde.

IGEPHA: Welche Vorteile bringt die rezeptfreie Impfung in der Apotheke für die Bevölkerung und das Gesundheitssystem an sich?
Uwe May: Heute haben wir in Deutschland ungefähr 20 Millionen Menschen, die gegen Grippe geimpft sind. Wir halten eine Steigerung der Impfrate um ganze 12 Prozentpunkte für realistisch, was 10 Millionen geimpfte Menschen mehr bedeuten würde. Das zeigen die Erfahrungen in den Ländern, die einen so niedrigschwelligen Zugang über Apotheken bereits haben. Bei einer Steigerung der Impfrate um 12 Prozentpunkte könnten nach unseren gesundheitsökonomischen Berechnungen in Deutschland 900.000 Krankheitsfälle, 5.000 Einweisungen ins Krankenhaus und 41 Todesfälle vermieden werden. Zudem würden dadurch auch 3 Millionen Ausfalltage wegen Arbeitsunfähigkeit ausbleiben. Es ist offensichtlich, dass diese Entwicklung sowohl für die Patienten als auch im Sinne einer Entlastung des Gesundheitssystems und der Volkswirtschaft allgemein wünschenswert wäre.

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