Eine Expertenkommission hat aktuell für Deutschland 66 Vorschläge erarbeitet, wie die Finanzsituation der defizitären Krankenkassen stabilisiert werden kann. Maßnahmen zur Effizienzsteigerung, etwa durch Stärkung der Selbstmedikation, fehlen. Was lässt sich daraus für Österreich ableiten?
42 Milliarden Euro könnten Einsparungen und Mehreinnahmen für die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland bringen, wenn die Reformvorschläge der Expertenkommission vollständig umgesetzt werden. Wer sich mit den einzelnen Empfehlungen im Detail befasst, muss feststellen, dass zwar einige Ansätze zur Stärkung der gesundheitlichen Eigenverantwortung enthalten sind, jedoch weitgehend versäumt wurde, Vorschläge für eine nachhaltig wirksame Effizienzsteigerung durch eine zielgerichtete Patientensteuerung zu erarbeiten
Diskutiert wird über höhere Zuzahlungen für Medikamente oder Gesundheitsleistungen, nicht ausreichend hinterfragt bleibt allerdings die hohe Frequenz der Arztbesuche, die in Deutschland mit zweistelligen Kontaktzahlen pro Person und Jahr Spitzenwerte erreicht. In Österreich liegt die Zahl der Arztkontakte bei sechs bis sieben pro Jahr und damit leicht über dem OECD-Durchschnitt. Die niedrige Arztkontaktfrequenz skandinavischer Länder oder der Schweiz wird sowohl in Deutschland als auch in Österreich weit übertroffen: In den Ländern im Norden Europas liegt die Zahl der jährlichen Arztbesuche bei unter drei, während die Schweizerinnen und Schweizer durchschnittlich nur drei- bis dreieinhalbmal im Jahr in der Arztpraxis sind[1][2]
Nur wegen Rezept zum Arzt?
Ein beträchtlicher Teil der Arztbesuche erfolgt, wie wir in unseren Studien für Deutschland und Österreich zeigen konnten, bei leichten, grundsätzlich ohne großen Aufwand selbstbehandelbaren Gesundheitsstörungen. Für Österreich konnten wir berechnen, dass jeder vierte Hausarztkontakt durch Selbstbehandlung ersetzt werden könnte.[3] Das lässt das enorme Potenzial einer klug konzipierten Effizienzverbesserung erkennen.
Sowohl in Deutschland als auch in Österreich suchen viele Menschen nicht aus medizinischer, sondern aus struktureller Notwendigkeit eine Arztpraxis auf. So erfolgen zahlreiche Arztbesuche aufgrund des Wunsches, eine ärztliche Verschreibung für ein rezeptpflichtiges Medikament zu erhalten, oder um sich eine Krankschreibung ausstellen zu lassen.
Zieht man Weg- und Wartezeiten in Betracht, so erweist sich unterdessen der Arztbesuch in vielen Fällen sogar für den Einzelnen als finanziell nachteilig, selbst wenn man dadurch vermeintlich günstig oder, bei einer Rezeptgebührenbefreiung, „kostenlos“ an ein Medikament gelangt.
Aus gesellschaftlicher Sicht wiederum überschreiten die der Solidargemeinschaft übertragenen Kosten für den Arztbesuch und das verschriebene Medikament bei weitem die Kosten einer Selbstmedikation mit einem geeigneten rezeptfreien Arzneimittel aus der Apotheke.
Einsparpotenzial bei Millionen Fällen
Es gilt also, den Hebel bei den alltäglich stattfindenden, millionenfach auftretenden Fällen anzusetzen, die ein erhebliches Einsparpotenzial für das Gesundheitssystem darstellen. Rezeptfreie Arzneimittel stellen eine evidenzbasierte und allgemein gut verträgliche Option zur Behandlung und Linderung leichter Erkrankungen dar. Der Umweg über den Arzt bringt hier in der Regel keinen Mehrwert. Zwar muss der Einzelne die Kosten für den Arzneimittelkauf selbst tragen, dies ist aber immer in Relation zu den Wegekosten und Selbstbehalten zu sehen, die durch das Aufsuchen einer Arztordination auftreten. Zu beachten ist auch, dass eine selbst gekaufte Arzneimittelpackung häufig für mehrere Episoden derselben Krankheit reicht, man also bei neuerlichem Auftreten direkt Hilfe aus der Hausapotheke erhält.
Unsere Empfehlung für Österreich, wo man ähnlich wie in Deutschland auf der Suche nach kostenwirksamen Einsparpotenzialen für das Gesundheitssystem ist, lautet daher, über eine intelligente Ausgestaltung von Anreizen nachzudenken, die zu einer nachhaltigen Entlastung der Versorgungsstrukturen führen und finanzielle wie personelle Ressourcen freisetzen kann, ohne dass es dadurch zu zusätzlichen Belastungen für die Patient:innen kommt.
Apotheke als professionelle Anlaufstelle
Das flächendeckende Netz an Apotheken kann dabei in Österreich als niedrigschwellige erste Anlaufstelle genutzt werden, wenn Menschen Unterstützung bei der Selbstbehandlung leichter Gesundheitsstörungen suchen. Das Fachpersonal in den Apotheken ist zugleich bestens geeignet, Empfehlungen zur Prävention und Früherkennung abzugeben. Daraus ergeben sich weitere positive Effekte für die Entlastung des Gesundheitssystems durch Krankheitsvermeidung und Steigerung der gesunden Lebensjahre.
Aus gesundheitsökonomischer Sicht kann daher nur dringend empfohlen werden, Effizienzpotenziale durch Stärkung der Selbstbehandlungsoptionen in die aktuelle Diskussion zur zukünftigen Finanzierbarkeit der Krankenversicherungssysteme einzubeziehen. Denn während höhere Selbstbehalte bei Behandlungen und Gesundheitsleistungen zulasten der Betroffenen gehen, lässt sich durch den aktiven Weg der Selbstmedikation viel gewinnen – für jeden Einzelnen ebenso wie für die Allgemeinheit und das ohne Verlust an medizinischem Nutzen.
Autor:in
Cosima Bauer, M. A., Politikwissenschaftlerin und Mitbegründerin der Unternehmensberatung May und Bauer – Konzepte im Gesundheitsmarkt.
Prof. Dr. Uwe May, Volkswirt und Gesundheitsökonom sowie Academic Director for MSc International Health Economics & Pharmacoeconomics an der Hochschule Fresenius. Er ist Mitbegründer der Unternehmensberatung May und Bauer – Konzepte im Gesundheitsmarkt.
[1] OECD (2025), Health at a Glance 2025: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris,, https://www.oecd.org/en/publications/health-at-a-glance-2025_8f9e3f98-en.html
[2] Watson (2025): Schweizer bei Arztbesuchen im europäischen Mittelfeld, online unter: https://www.watson.ch/ zuletzt abgerufen am [Datum]).
[3] https://igepha.at/newsartikel/der-hohe-nutzen-der-self-care/